Die neue EU-Strategie From Farm To Fork

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Die neue EU-Strategie "From farm to Fork": Was sich für die Lebensmittelindustrie bald ändern wird

Aug.. 4 2020

Ende Mai stellte die europäische Union ihr neues Nahrungsmittelkonzept vor legte damit den Grundstein für das ehrgeizige Ziel der EU-Kommission, Europas Nahrungsmittelversorgung  zum globalen Nachhaltigkeitsvorreiter zu machen. Wir werfen einen Blick auf die wichtigsten Auswirkungen für die Akteure entlang der Lebenmittelkette - und darauf, wie die Politik in die Praxis umgesetzt wird.

Reduzierung des ökologischen Fussabdrucks. Ernährungssicherheit gewährleisten. Zugang zu nachhaltiger, gesunder und erschwinglicher Nahrung für alle sicherstellen. Die Ambitionen der EU für das Lebensmittelsystem, die sie in ihrer lang erwarteten Strategie "From Farm to Fork" (dt. „Vom Hof auf den Tisch") dargelegt hat, laufen auf einen flächendeckenden Wandel hinsichtlich der Produktion und des Verkaufs von Nahrungsmitteln hinaus. Die Strategie ist ein zentraler Pfeiler des europäischen Green Deal, einer Strategie, die Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent machen soll.

Die Vorschläge sind breit gefächert und detailliert und umfassen 27 Massnahmen in Bereichen, die von der organischen und biologischen Vielfalt bis zur Kohlenstoffbindung und der Entwicklung von Bioraffinerien reichen. Sie decken die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette ab, angefangen bei den Arten von Tierfutter, die den Herstellern zur Verfügung stehen, bis hin zum Bewusstsein der Verbraucher für die Verfallsdaten auf den Verpackungen. Ergänzt wird „From Farm to Fork“ zusätzlich durch Handlungsempfehlungen für die konkrete Umsetzung der Strategie -  sowohl auf politischer und finanzieller Ebene als auch auf Unternehmensseite.

EINE UM EHRGEIZIGE ZIELE STRUKTURIERTE STRATEGIE

Die Massnahmen der EU-Strategie "Farm to Fork" werden durch konkrete Ziele bis 2030 untermauert. Diese bilden die Grundlage für die strategischen Pläne der Mitgliedsstaaten und die Datenerhebung durch die Akteure der gesamten Nahrungsmittelkette.

Sie umfassen:

Pestizide: Verringerung des Einsatzes und des Risikos chemischer Pestizide um 50% und des Einsatzes gefährlicherer Pestizide um 50%.

Überschuss an Nährstoffen: Verringerung der Nährstoffverluste um mindestens 50% bei gleichzeitiger Sicherstellung, dass die Bodenfruchtbarkeit nicht abnimmt, und Verringerung des Düngemitteleinsatzes um mindestens 20%.

Resistenz gegen antimikrobielle Mittel: Verringerung der EU-Verkäufe antimikrobieller Mittel für Nutztiere und Gebrauch in der Aquakultur um 50%.

Ökologischer Landbau: 25 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU soll ökologisch bewirtschaftet werden

Abfall: Verringerung der Lebensmittelabfälle auf Einzelhandels- und Verbraucherebene um 50%.

Neben diesen lebensmittelspezifischen Zielen wird sich auch ein Gesamtklimaziel auf die Lebensmittelindustrie auswirken: eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um mindestens 50% wird angestrebt.1

MEHR ANREIZE FÜR NACHHALTIGE PRAKTIKEN

Die Strategie erkennt die bisher von der Lebensmittelindustrie unternommenen erheblichen Anstrengungen an. Sie zielt darauf ab, diese durch Mechanismen wie die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP), die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP), neue "Öko-Regelungen" und bestehende Instrumente wie den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) zur Norm zu machen. Es werden mehrere Beispiele für Initiativen genannt, die in Zukunft im Rahmen der GAP belohnt werden könnten. Dazu gehören landwirtschaftliche Praktiken, die CO2 aus der Atmosphäre herausfiltern sowie die Installation von Sonnenkollektoren auf den Dächern landwirtschaftlicher Gebäude. Auch Massnahmen, die den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln reduzieren, sind mit der GAP abgedeckt. Weitere 10 Milliarden Euro sind für Forschung und Entwicklung vorgesehen.

Lebensmittelproduzenten, -verarbeiter und -einzelhändler werden vermutlich jede finanzielle Unterstützung begrüssen, die die EU zur Verfügung stellen kann. Die EU-Exekutive ist sich jedoch sehr wohl bewusst, dass die Finanzierung nur einen Teil der Gleichung darstellt. Vielmehr steht die praktische Umsetzung auf dem Spiel: In der Vergangenheit hat die Bürokratie einige der besten Innovationsanstrengungen der Lebensmittelindustrie behindert.

Dieser Problematik will die EU mittels Inverkehrbringen von nachhaltigen und innovativen Futtermittelzusatzstoffen entgegenwirken, die dazu beitragen, die Methanemissionen aus der Tierhaltung zu reduzieren. Um die Sicherheit und Vielfalt des Saatguts zu schützen, wird sie auch die Registrierung neuer Saatgutsorten, mitunter für den ökologischen Landbau, erleichtern und einen unkomplizierteren Marktzugang für traditionelle und lokal angepasste Sorten sicherstellen.

BEDROHUNG DURCH REGULIERUNG?

Obwohl es wichtig ist, anzuerkennen, dass die "Farm to Fork"-Strategie eher eine Vision als eine Verordnung darstellt, machen ihre Autoren keinen Hehl aus ihren Absichten. Ein gesetzlicher Rahmen für ein nachhaltiges Lebensmittelsystem ist für 2023 geplant und es sind weitere politische Initiativen angesetzt, darunter ein Aktionsplan für ökologische Landwirtschaft und eine Gesetzgebung für Einweg-Lebensmittelverpackungen.

Zu bestimmten Fragen hat die Kommission erklärt,  sie überwache die Umsetzung der Handlungsempfehlungen und werde gegebenenfalls Rechtsvorschriften erlassen. Ein Schlüsselbereich der Strategie befasst sich mit den Verkaufs- und Marketingpraktiken von Lebensmittelverarbeitern und Einzelhändler: Im Rahmen des EU-Verhaltenskodex für verantwortungsbewusstes Unternehmertum wird von den Lebensmittelunternehmen einerseits erwartet, ihre Produkte den Richtlinien für eine gesunde, nachhaltige Ernährung entsprechend zu produzieren und Verpackungsmaterial zu reduzieren. Andererseits sind die Betriebe angehalten, ihre Marketingstrategien anpassen, um den Schutz bedürftiger Menschen zu gewährleisten und mit ihren Lebensmittelpreiskampagnen ein adäquates öffentliches Bewusstsein für die Relevanz von Nahrung zu fördern (als spezifisches Beispiel wird die Vermeidung von Niedrigpreiskampagnen für Fleisch angeführt).

DIGITALisierung als Katalysator

Wenn Nachhaltigkeit das Hauptthema der "Farm to Fork"-Strategie ist, so zieht sich der zweite tonangebende Trend des 21. Jahrhunderts durch fast jede politische Handlung. Digitale Technik dient als Katalysator der es ermöglicht, das Lebensmittelsystem zu transformieren und den Umsetzungsprozess in einer Weise zu überwachen, die vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. So zielt beispielsweise die jüngste GAP darauf ab, Landwirten zu helfen, ihre Umweltleistung durch eine bessere Nutzung von Daten und Analysen und durch Investitionen in digitale Technologien zu verbessern.

Aus diesem Grund ist die "Farm to Fork"-Strategie ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, die Einführung des schnellen Breitband-Internets in ländlichen Gebieten zu beschleunigen. Das Ziel besteht darin, Precision Farming und den Einsatz künstlicher Intelligenz zum Mainstream zu machen, die Kosten für Landwirte zu senken und das Boden- und Wassermanagement zu erleichtern.

Daten stehen im Mittelpunkt der digitalen Strategie. Die EU wird Rechtsvorschriften einführen, um ihr landwirtschaftliches Buchhaltungsdatennetzwerk in das Network zur Nachhaltigkeit landwirtschaftlicher Betriebe umzuwandeln, um Daten über die Ziele der Strategien "From Farm to Work" und "Biodiversity" zu sammeln. Bestehende Programme2 zielen darauf ab, das Investitionsrisiko zu verringern und nachhaltige Praktiken in Fischerei und Aquakultur zu etablieren.

Die Relevanz VON LabelLing

Die Kommission erforscht auch neue digitale Wege zur Bereitstellung von Lebensmittelinformationen für Verbraucher. Dies ist Teil eines weiteren wichtigen Aspekts der Strategie: die Stärkung der Verbraucherautonomie durch die Bereitstellung genauer, harmonisierter und überprüfbarer Informationen mittels Etikettierung und Zertifizierung.

Etikettierung und Zertifizierung spielen bei mehreren Aktionen der Strategie eine zentrale Rolle. Als Teil ihres Engagements für mehr Tierschutz durch die Überarbeitung der Gesetzgebung wird die Kommission Optionen für eine Tierschutzkennzeichnung prüfen sowie eine harmonisierte obligatorische Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Verpackungen implementieren.

Hohes wirtschaftliches Potenzial

Mit der Vorstellung ihrer Farm-to-Fork-Strategie möchte die EU zudem die wirtschaftliche Chance unterstreichen, die sie darstellt. Als wichtigster Importeur und Exporteur von Agrarnahrungsmitteln und grösster Markt für Meeresfrüchte weltweit schätzt die EU den wirtschaftlichen Wert ihrer Vision moderner Lebensmittelsysteme auf über 1,8 Billionen Euro.

Viele Lebensmittelhersteller, -verarbeiter und –einzelhändler haben in Sachen Nachhaltigkeit bereits heute grosse Fortschritte zu verzeichnen. „From farm to Work“ wird einen erheblichen´Beitrag dazu leisten, die zugrundeliegenden Wettbewerbsbedingungen zu vereinheitlichen. Andere werden noch weiteren Nachholbedarf haben, wenn auch mit potenziellem Zugang zu Finanzierung und technischer Hilfe. Für alle werden konkrete Möglichkeiten zur Messung, Dokumentation und Demonstration von Fortschritten von wesentlicher Bedeutung sein, wenn sie die künftigen gesetzlichen Anforderungen erfüllen und neue Chancen nutzen wollen.

Bureau Veritas bietet eine Reihe von Dienstleistungen an, um die Akteure der Lebensmittelindustrie bei der Erreichung ihrer Ziele zu unterstützen (Training, Audit und Zertifizierung, Labortests, Ernteinspektionen). Unser Lösungspaket Circular+ unterstützt den Übergang zu einem Geschäftsmodell der Kreislaufwirtschaft und kann Ihnen dabei helfen, Ihren individuellen Fortschritt an definierten Nachhaltigkeitszielen zu messen.


[1] Verglichen mit den Werten von 1990.  Ein Ziel von 50% oder  55% wird im Dezember 2020 verabschiedet. 

[2] Copernicus // European Marine Observation and Data Network (EMODnet)